Was ist Positive Psychologie?
Die Positive Psychologie ist ein Teilgebiet, das Ende der 1990er Jahre vom amerikanischen Psychologen Martin Seligman mitbegründet wurde. Ihr Schwerpunkt liegt auf der wissenschaftlichen Erforschung und Förderung menschlicher Stärken und des Wohlbefindens, wodurch sie sich von der traditionellen Psychologie unterscheidet, die sich bislang vorrangig auf die Diagnose und Behandlung psychischer Erkrankungen konzentriert hat. In Deutschland erlangte das Fachgebiet durch die Arbeit von Judith Mangelsdorf an Bekanntheit, die unter anderem als bedeutende Verfechterin und Forscherin auf diesem Gebiet dazu beigetragen hat, die Kluft zwischen Forschung und praktischer Anwendung im deutschsprachigen Raum zu überbrücken.
Im Gegensatz zu Bewegungen wie dem „positiven Denken“ oder der „Selbsthilfe“, die häufig einen etwas vereinfachenden Ansatz nach dem Motto „Denken Sie einfach positiv“ betonen, bietet die positive Psychologie einen wissenschaftlich fundierten Rahmen. Forscher auf diesem Gebiet, wie beispielsweise Barbara Fredrickson, Mihaly Csikszentmihalyi und Kim Cameron, konzentrieren sich auf die wissenschaftliche Untersuchung von Aspekten wie Optimismus, Resilienz, Flow und Sinnhaftigkeit, mit dem Ziel, evidenzbasierte Methoden für ein erfüllteres Leben zu ermitteln.
Missverständnisse über die Positive Psychologie
Der Begriff „Positive Psychologie“ kann etwas irreführend sein. Zwar befasst sich dieses Fachgebiet mit der Erforschung positiver Emotionen, Stärken und Tugenden, doch plädiert es nicht dafür, negative Erfahrungen zu ignorieren oder zu unterdrücken. Vielmehr erkennt die Positive Psychologie das gesamte Spektrum menschlicher Emotionen und Erfahrungen an und strebt danach, beide Seiten in Einklang zu bringen. Dies führt mitunter zu Verwirrung oder Fehlinterpretationen, bei denen die Positive Psychologie fälschlicherweise mit der Bewegung des positiven Denkens gleichgesetzt wird. Positives Denken fördert eine optimistische Lebenseinstellung, oft ohne dabei die zugrunde liegenden Herausforderungen anzugehen. Im Gegensatz dazu legt die Positive Psychologie Wert auf einen ausgewogenen Ansatz, der auf Stärken aufbaut und gleichzeitig Bereiche mit Verbesserungspotenzial konstruktiv angeht.
Beiträge der Positiven Psychologie

Der wertvolle Beitrag dieses Fachgebiets liegt darin, dass der Schwerpunkt auf dem Aufbau von Stärken und der Förderung von Leistungen liegt, anstatt sich ausschließlich auf die Behandlung von Pathologien zu konzentrieren. Indem die Aufmerksamkeit auf das gerichtet wird, was gut funktioniert und worin sich Menschen oder Teams auszeichnen, schafft die positive Psychologie eine starke Entwicklungsdynamik und fördert die intrinsische Motivation. Dieser Ansatz ermutigt Einzelpersonen und Organisationen, ihr Potenzial auszuschöpfen und effektiver zu wachsen. Die Positive Psychologie hat Konzepte wie den „erlernten Optimismus“ (Seligman) und den „Flow“ (Csikszentmihalyi) eingeführt, die den Aufbau mentaler und emotionaler Ressourcen betonen, welche Resilienz und hohe Leistungsfähigkeit unterstützen.
Praktische Instrumente der Positiven Psychologie
Die positive Psychologie bietet eine Reihe praktischer Instrumente, von denen viele für den Arbeitsalltag relevant und anwendbar sind:
Stärkenorientierte Beurteilungen
Instrumente wie der von Christopher Peterson und Martin Seligman entwickelte „VIA Character Strengths Survey“ helfen Einzelpersonen dabei, ihre Kernstärken zu erkennen. Forschungsergebnisse zeigen, dass die Konzentration auf diese Stärken und deren Anwendung das Engagement, die Produktivität und das allgemeine Wohlbefinden steigern können.
Übungen zur Dankbarkeit
Diese Praktiken gibt es im Buddhismus und in anderen spirituellen Traditionen schon seit langer Zeit. Eine tägliche Übung, wie beispielsweise das Führen eines Dankbarkeitstagebuchs oder das regelmäßige Aussprechen von Wertschätzung gegenüber Kollegen, kann positive Emotionen fördern und zwischenmenschliche Beziehungen verbessern. Dies wurde durch Untersuchungen von Robert Emmons bestätigt.
Positive Umdeutung und kognitive Neubewertung
Der Einsatz von Techniken, mit denen Herausforderungen oder Rückschläge in ein konstruktives Licht gerückt werden, kann dem Einzelnen helfen, mit Stress umzugehen und seine Motivation aufrechtzuerhalten. Fredricksons „Broaden-and-Build“-Theorie betont, dass positive Emotionen dazu beitragen, die Fähigkeit zur Erkennung von Lösungen zu erweitern und Bewältigungsressourcen aufzubauen.
Stärkung von Widerstandsfähigkeit und Optimismus
Seligmans Übungen zum erlernten Optimismus lehren den Einzelnen, pessimistische Gedanken zu hinterfragen und durch konstruktivere Alternativen zu ersetzen. Diese Fähigkeit kann Mitarbeitern helfen, angesichts von Widrigkeiten widerstandsfähig und zielorientiert zu bleiben.
Förderung von Flow-Erlebnissen
Auf der Grundlage von Csikszentmihalyis Arbeiten können Unternehmen Aufgaben oder Arbeitsumgebungen gestalten, die es den Mitarbeitern ermöglichen, in „Flow“-Zustände zu gelangen – jene Zustände tiefer Versunkenheit, in denen der Einzelne aufgrund seiner hohen Konzentration auf anspruchsvolle, sinnvolle Aufgaben das Zeitgefühl verliert.
Sinn und Zweck entwickeln
Die positive Psychologie hat zudem aufgezeigt, wie wichtig es ist, die Arbeit mit einem übergeordneten Ziel zu verknüpfen, was die Motivation erheblich steigern kann. Viktor Frankl, einer der frühen Wegbereiter der positiven Psychologie, betonte, dass Sinn für die menschliche Erfüllung von entscheidender Bedeutung ist – ein Gedanke, der mittlerweile in vielen Coaching- und Führungskonzepten verankert ist.
Die Positive Psychologie bietet einen ganzheitlichen, evidenzbasierten Ansatz für menschliches Gedeihen. Anstatt lediglich zu beheben, was nicht stimmt, würdigt und fördert sie das, was gut ist, und trägt so dazu bei, ein Umfeld zu schaffen, in dem Menschen sich sowohl individuell als auch gemeinsam entfalten können.
Gemeinsam mit meiner Kollegin Sabine Havenstein habe ich ein zweiteiliges Gespräch zum Thema Positive Psychologie und positive Führung geführt. Dies ist Teil einer kurzen Selbstlern-Erfahrung, die wir für die Führungskräfte eines unserer Kunden entwickelt haben. Sie finden sie hier.
In einem künftigen Blogbeitrag wird unsere Kollegin Heike Horn näher auf „Positive Leadership“ und das PERMA-Lead-Modell eingehen.
Frank Busch, Leiter des Netzwerks für Kompetenzentwicklung